Gesundheit: Thema: Metabolische Azidose oder »Übersäuerung» - Was ist das eigentlich?

Dr. Andreas Reihl, Facharzt für Innere Medizin und Nephrologie, Foto: Nephrologische Praxis und Dialysecentrum

Immer wieder hört man im Fitnessstudio, im Stadtbus, auf der Arbeit Sätze wie »Mein Körper ist übersäuert, ich fühl mich abgeschlagen» - Aber sind wir das dann wirklich? Wir haben bei Dr. Andreas Reihl aus der Nephrologischen Praxis in der Spinnerei nachgefragt:

BTSZ: Was versteht der Mediziner unter einer Azidose?
Dr. Andreas Reihl: Azidose ist die medizinische Bezeichnung für die Übersäuerung des Blutes. In unserem Blut herrscht normalerweise ein Gleichgewicht zwischen sauren Anteilen (Säuren) und basischen Anteilen (Basen). Man kann dann einen normalen pH-Wert von 7,4 im Blut mit der sogenannten Blutgasanalyse (kurz: BGA) messen. Nur wenn beide Anteile, Säuren und Basen, im Gleichgewicht sind, funktioniert unser Körper problemlos. In unserem Körper gibt es mehrere Puffersysteme, die für einen stabilen pH-Wert sorgen. Maßgeblich an der Regulation sind aber zwei Organe für die Regulation des Säure-Basen-Gleichgewichts verantwortlich. Dies sind zum einen die Nieren, über die Basen nach Bedarf zurückgehalten und Säuren ausgeschieden werden und die Lungen, da über die Atmung flüchtige Säuren abgeatmet werden. Die Regelung des Blut-pH erfolgt in engen Grenzen.

BTSZ: Wodurch entsteht die Übersäuerung?
Dr. Andreas Reihl: Eine Azidose kann durch verschiedene Mechanismen entstehen: Es kann zur verstärkten Säurebildung beispielsweise durch Stoffwechselstörungen wie etwa Blutzuckerentgleisungen im Rahmen eines Typ-2-Diabetes oder auch durch extremes Fasten zustande kommen. Auch Medikamente wie z.B. Aspirin und Schmerzmittel dieser Gruppe (sogenannte NSAR) stellen eine erhöhte Säurezufuhr dar. Alkohol führt ebenfalls zur erhöhten Säurelast. Ein Basenverlust hingegen kann beispielsweise im Rahmen schwerer Durchfälle auftreten. Eine verminderte Abatmung flüchtiger Säuren über die Lungen tritt typischerweise bei einer schweren chronischen Bronchitis (COPD) zutage. Akut kann dies auch durch Störungen des Atemzentrums durch hohe Dosen starker Schmerzmittel (Morphin und ähnliche) verursacht werden. Als Nephrologen sehen wir die metabolische Azidose in erster Linie bei einer fortgeschrittenen Nierenschwäche (chronische Niereninsuffizienz), denn in der geschädigten Niere werden sowohl weniger Basen zurückgehalten als auch weniger Säuren ausgeschieden. Diese Mechanismen können auch kombiniert auftreten und damit zu einer sehr schweren Azidose führen. Die Azidose kann so stark ausgeprägt sein, dass eine Dialysetherapie notwendig ist.

BTSZ: Kann die Übersäuerung durch die Ernährung beeinflusst werden?
Dr. Andreas Reihl: Die Antwort lautet »ja und nein». Lebensmittel, die zur Säurebildung beitragen, sind vor allem eiweißreich und damit phosphathaltig, z.B. Käse, andere Milchprodukte, Fisch und Fleisch. Auf der anderen Seite stehen die Lebensmittel, die im Stoffwechsel zur Bildung von Basen beitragen wie Kartoffeln, Früchte, Fruchtsäfte und Gemüse. Bei Nierengesunden ist die Niere selbst bei einseitiger Ernährung mit säurebildenden Lebensmitteln in der Lage, sich anzupassen und genügend Säuren auszuscheiden. Eine ausgewogene Mischkost mit ausreichend Obst und Gemüse sollte
allerdings in Bezug auf einen ausgeglichenen Säure-Basenhaushalt angestrebt werden.

BTSZ: Welche Auswirkungen hat eine Azidose?
Dr. Andreas Reihl: Unser Körper hat dann die Möglichkeit, eine Azidose, die durch Stoffwechselvorgänge und nicht aufgrund einer Lungen- oder Atemproblematik verursacht ist, durch verstärkte Atem-arbeit auszugleichen (=respiratorische Kompensation). Wir atmen tiefer und schneller ein, es kommt zur Hyperventi-
lation. Ist auch dieser Mechanismus nicht mehr ausreichend, kommt es zur dauerhaften Übersäuerung. Deren Folgen sind Appetitlosigkeit, erhöhte Kaliumwerte, ein vermindertes Ansprechen auf Insulin sowie ein verstärkter Knochen- und Muskelabbau. Eine bestehende chronische Nierenfunktionsschwäche kann durch die Azidose schneller fortschreiten.

BTSZ: Welchen Nutzen hat eine Therapie?
Dr. Andreas Reihl: Die Notwendigkeit einer medikamentösen Therapie hängt vom Ausmaß der Azidose und von ihrer Ursache ab. Hierüber muss ein Arzt entscheiden. Bei einer chronischen Niereninsuffizienz als Ursache der metabolischen Azidose ist ihr Nephrologe der richtige Ansprechpartner. Er kann Ihnen Basen (z.B. Bicarbonat) in Tablettenform verordnen, welche die Übersäuerung effektiv ausgleichen. Langfristig wirkt sich diese Therapie auf den Appetit und die Fitness positiv aus und hemmt den Muskel- und Knochenabbau und kann die Verschlechterung der Nierenfunktion aufhalten.